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ch2021via - eine historische Tour ist nun Geschichte

Text: schlem / Fotos: sej, kes 03.08.2021

ch2021via - ein kurzer Rückblick auf 12 unvergessliche Tage quer durch die Schweiz

1970 - alle Bürger der Schweiz stimmen ab. Alle? Nein. Die Bürgerinnen dürfen zwar Steuern zahlen, abstimmen dürfen sie nicht. Dieses Recht kommt für alle Schweizerinnen erst mit der Volksabstimmung vom 7. Februar 1971. Das «Schweizweite Frauenstimm- und Wahlrecht», ein Meilenstein der Schweizer Geschichte, welcher sich im Februar 2021 zum 50sten Mal jährte. Für die Projektinitiantin Judith Schmid und Töfffahrerinnen des Frauen-Töffclubs «kultur & kilometer» der Anlass, Vorkämpferinnen und weibliche Vorbilder in einer schweizweiten Motorradtour zu ehren.

«ch2021 en route. unterwegs. in viaggio.» («ch2021via») - die Töfftour zum Frauenstimmrecht ist bereits selbst Geschichte. Ein Reisebericht.Am Samstagmorgen, 26. Juni fuhren aus verschiedenen Kantonen (inklusive Bayern) Motorräder in Zürich-Leimbach ein. Wir waren gespannt. Wer waren die Töfffahrerinnen und Töfffahrer, die sich für unsere Tour de Suisse angemeldet hatten? Nach allgemeiner Kaffeerunde konnten wir bereits die ersten beiden berühmten Gäste, Jacqueline Fehr, Regierungspräsidentin ZH und Zita Küng, Frauenrechtsaktivistin und Gründerin des Vereins «ch2021.ch» - in den eigens organisierten Seitenwagen-Motorrädern Platz nehmen lassen. Zita Küng verabschiedete uns am Emilie-Lieberherr-Platz mit den Worten, wir sollten Frauen und ihre Leistungen „wichtig sprechen“. Genau das hatten wir die nächsten zwölf Tage vor.
Unser Weg führte uns in diesen 12 Tagen über 2'000 km durch nahezu alle Kultur- und Sprachregionen der Schweiz. Dies bei Hitze wie auch Regen, aber immer sicher, unfallfrei und in bester Stimmung.Los ging es in sanften Kurven nach Kreuzlingen am ersten Tag, durch die Festung St. Luzi auf dem gleichnamigen Pass am zweiten Tag. Unsere weiteren Tagesetappen führten über Flüela und Ofen nach Müstair, über den San Bernardino nach Bellinzona, den Gotthard nach Luzern und dann, am 6. Tag, über den Grimsel nach Unterbäch (VS), wo die Frauen 1957 bereits ein erstes Mal an die Urne gehen durften. Ja, in einem Walliser Bergdorf. Ja, rund 15 Jahre vor dem Rest der Schweizer Frauen.
 
Das eine ist es, unsere kurze, sehr kurze Geschichte des Frauenstimmrechts archivarisch aufzubereiten und zu bewahren, wie es das Gosteli-Archiv macht. Etwas ganz anderes ist es, mit den Frauen selber zu sprechen und ihre Geschichte direkt zu er-fahren – in unserem Fall wortwörtlich. 
Nur so bleibt einem die Lebensschilderung der 87-jährigen Judith Stamm, die uns erzählte, sie sei eigentlich immer gewollt worden. Sie hätte nie kämpfen müssen. Um dann en passant zu schildern, wie sie als Staatsanwältin hartnäckig darauf bestehen musste, gleich wie ihre männlichen Kollegen und gemäss ihrem Stellenprofil mit zu den Tatorten genommen zu werden. Nach einigem Gedruckse sagte man ihr: «Ja wissen sie, es reagieren halt alle anders auf die Tatorte», worauf sie fadegrad entgegnete «Gälledsi, si händ Angscht, dasi loshüüle». Daraufhin war die Sache erledigt und sie ging mit.
Oder die Leistung von Isa Müller, die die Welt auf ihrer BMW S 1000 R in 17 Tagen umrundete. Das bedeutete zum Teil 2'000 km am Tag. Sie war in der Dunkelheit auf löchrigen Naturstrassen in Russland unterwegs. Sie, die zehn Monate zuvor im Rollstuhl gesessen hatte und so ziemlich jeden Knochen gebrochen hatte, den man brechen konnte; sie, die heute noch am Krückstock geht, schaffte das nur mit unglaublichem Wettkampfgeist, der sie immer an ihre Grenzen trieb. Sie wollte diese Weltumrundung als Schnellste gewinnen und sie gewann. Bis heute spürt man in ihren Vorträgen die Wut, die Verzweiflung, die Erleichterung und den Stolz, wenn sie erzählt. 
Unvergessen wird uns auch das Leuchten im Gesicht der 75-jährigen Priorin vom Kloster St. Johann in Müstair, Sr. Aloisia Steiner, bleiben, als unsere zwei Seitenwagen-Gespanne in den Klosterhof fuhren. Wir hatten ihr eine Fahrt im Seitenwagen versprochen. Sie sass in ihrem motorisierten Rollstuhl vor uns und hatte grad zu ihrer Rede zur jahrhundertelangen Tradition des Frauenklosters angesetzt, da knatterten die Motore. Sie blickte auf und rief: «Nein! Ihr wisst ja nicht, was ihr mir für einen langjährigen Traum erfüllt». Ihre Rede war wie weggeblasen. Wir eskortierten sie einmal fröhlich hupend durchs Dorf. Alle, die sie kannten, winkten ihr zu. Als das Gespann mit ihr und Sr. Domenica wieder im Klosterhof verschwand und wir hübsch aufkolonniert vor dem Kloster warteten, kam Projektleiterin Judith Schmid wieder heraus und rief uns zu: «Die nächsten Nonnen warten bereits».
 
Die zweite Tourhälfte führte über die Jura-Steigungen von Saint-Cergue und Sainte-Croix zu den Jurapässen Obere Mieschegg und Balmberg. Von dort fuhren wir diretissima auf den Bundesplatz in Bern. Den Abschluss bildete ein Abstecher bei Kambly im Emmental und ein rockiges Konzert von Caroline Chevin in Beinwil am Hallwylersee.
 
Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer können wir gar nicht vermitteln. Aus uns völlig Unbekannten wurden in zwölf Tagen liebgewonnene Menschen. Alle kamen unfallfrei und um viele Erlebnisse reicher wieder zu Hause an.
 

Einer Perlenschnur gleich reihte sich Etappe an Etappe, insprierende Frau an inspirierende Frau. 

Zürich: Jacqueline Fehr, Zita Küng – Kreuzlingen: Karin Patton (Bierbrauerin) – Appenzell: Isa Müller (Weltrekordhalterin 2018 "Schnellste Erdumrundung einer Frau mit dem Motorrad"), Aline Auer (Aktivistin AR), Theres Durrer-Gander (Grossratsvizepräsidentin AI) – Priorin Sr. Aloisia Steiner (Benediktinerinnen-Kloster St. Johann) – Silvaplana: Katharina von Salis (ehem. Spitzensportlerin, ETH-Professorin) – Bellinzona, Erstfeld: Rebekka Wyler (Co-Generalsekretärin SP Schweiz) – Luzern: Judith Stamm (ehem. Nationalratspräsidentin), Ylfete Fanaj (Kantonsratspräsidentin LU) – Unterbäch: Germaine Zenhäusern (Tochter der ersten Schweizer Stimmbürgerin) – St. Maurice: Hanny Weissmüller (Lokführerin, Präsidentin des Lokomotivpersonals der Gewerkschaft SEV) – Genève: Ruth Durrer (Professorin Astroteilchenphysik) – Lausanne: Martine Gagnebin (Präsidentin Waadtländer Verband für Frauenrechte ADF), Mary Mayenfish-Tobin (Vorstand Verein «CH2021») – Delémont: Pascale Beucler (Oberst der Schweizer Armee) – Worblaufen: Mitarbeiterinnen der Gosteli-Stiftung, Heidi Kronenberg (Journalistin, Publizistin), Silvia Binggeli (Journalistin, ehem. Chefredaktorin «Annabelle») – Beinwil am See: Caroline Chevin (Schweizer Soulsängerin, «Enjoy the ride»).