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Die Dornesslerin

MT&MSCH 26.05.2019

 

Jetzt, eine Woche später überlege ich immer noch, warum es bei der Dornesslerin dann doch zur Anklage kam, nachdem sie ja schon recht lange erfolgreich als heilende Frau ihrer Umgebung bekannt und als solche gefragt war?

Doch erstmal der Reihe nach: An dem Morgen fuhren wir noch durch Frühnebel zum Treffpunkt an die Agrola-Tankstelle in Wattwil, um dann zu siebt im Gefolge von Gisela via Hemberg und Rehetobel die Ostschweiz zu durchqueren. Sieben starke Frauen auf ihren PS-starken Motorrädern durchs Appenzell, das musste ein aufregender Tag werden.

Einfach grandios, dieser wunderschöne Landstrich in dem die Kurven und Aussichten über die Hügel nie enden wollen. Und noch grandioser, wenn die Strassen so frei sind: das Wetter war wie so oft für die Kukis besser gekommen als gemeldet (hehe). Unsere erste Station hatten wir dann in der Bäsebeiz Grauenstein in Walzenhausen, wo wir die Motorräder zwischen der Garage und dem Stevi mit den Wollsocken abstellten. Gutgelaunte Velofahrer fragten uns von der Restaurantterrasse aus, ob wir uns in diese Sackgasse verfahren hätten. Als wir dann zielstrebig und nun in Wanderhosen umgekleidet am Restaurant vorbei Richtung Waldpfad marschierten, gaben sie uns den durchaus sinnvollen Tipp mit, nicht schneller zu fahren, als der Engel fliegen möge.

Hinter ihrem eigenen Haus sind wir der Dornesslerin das erste Mal begegnet. Wir sind froh, dass uns Gisela von dieser Heilerin aus dem 17. Jahrhundert erzählt hat. Auch, wenn es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, dass Frauen gefoltert und getötet wurden, nur weil sie wussten, was sie taten und dies in ihren Gemeinden z.B. gegen Krankheiten einsetzten. Lange ging es bei der Dornesslerin gut. Was ist letztlich passiert, dass sie als Hexe angeklagt wurde? Aber was mache ich mir solche Gedanken, das Vorgehen gegen Frauen war in der Geschichte und ist bis heute wenig logisch. Deshalb bin ich froh, dass ich dank Gisela auf das Zeugnis einer über lange Jahre hinweg sehr erfolgreichen Frau zurückschauen kann. Einer Frau, die sich in ihrem Leben behaupten konnte und sich Fähigkeiten aneignete, mit denen sie bis heute aktenkundig blieb.

Der Lesung von Gisela lauschten wir alle mit Blick auf das Haus, in der die Dornesslerin gelebt hatte. Wir sassen am Waldrand, die Sonne kam immer mehr hervor und es war gut vorstellbar, wie sie dort in dem Haus mit dem kleinen Garten und dem kleinen Teich besucht werden konnte oder selbst zu Hausbesuchen aufbrach und wie sie dann zum Verhör abgeholt wurde.

Es war dann unser Hunger, der uns überzeugte, zurück zum Grauenstein zu gehen. Der Gasthof mit der kleinen Karte einfacher leckerer Gerichte stand zum Glück direkt neben dem Stevi mit den Wollsocken und den Motorrädern. Unsere hungrigen Gesichter waren wohl der Grund, warum die Serviertochter uns versehentlich die Bestellung der schon länger wartenden Gäste des Nachbartischs auftischte. Oder war es ein Besuch von sieben Motorradfahrerinnen, der das System durcheinanderbrachte? Die gutmütigen Restaurant-Nachbarn gönnten uns die Expressbehandlung und schon bald waren wir bei Södworscht (Südwurst), panierten Schnitzeln und Salaten in Benzingespräche vertieft.

Danach geht es ein kurzes Stück mit den Motorrädern um den Hügel herum. Nach einem kleinen Stück durch den Wald und über die Wiese an den Kühen vorbei sehen wir ihn, den Chindlistein oberhalb von Heiden. Wir umrunden ihn, klettern auf ihn hinauf, schauen in die Landschaft mit Blick auf den Bodensee und hängen den eigenen Gedanken nach.

Der Chindlistein ist ein Ort des Wirkens von Frauen wie die Dornesslerin. Vermutlich diente er zu Fruchtbarkeitsritualen, die älter waren als das Christentum. Ich finde es sehr aufregend, dass wir uns heute noch auf diese Steinformation setzen können, sie uns anschauen und uns vergegenwärtigen können, wie die Menschen hier ein Zentrum gemeinsamer Feiern ihres urtümlichen Glaubens hatten. Auch heute noch ein besonderer und intimer Ort.

Danach ging es wieder über die wirklich schönsten Strassen mit den tollsten Aussichten und den kurvigsten Kurven weiter. Gisela hatte an alles gedacht: es hatte auch zwei kleine schwarze Abschnitte, in der wir dann so, wie jede konnte, auf den Stoos und die Schwägalp hochjagten und einfach nur fast platzen vor Freude, dass zusammen Motorradfahren einfach das absolut Schönste auf der Welt ist. Es wurden Frauen gesehen, die sich auch bei ihrem Motorrad dafür mit einer Umarmung bedankten. Keine Sorge! Alles ganz normal.

Nach einem letzten Tee unterhalb der Schwägalp traten dann alle sehr glücklich die Heimreise an und schauten auf einen sehr schönen, aufregenden, spannenden und geselligen Tag zurück, in dem wir viel gelernt haben und die Hexen ehren konnten.  

Vielen Dank Gisela für diese sagenhafte Tour!